Über den Beetrand geschaut

Der Botanische Garten von Padua

Hortus Mirabilis

Der Botanische Garten von Padua, Orto Botanico Università di Padova, wurde 1545 gegründet und ist damit der älteste, einer Universität zugehörige Botanische Garten. Bis heute befindet er sich an seinem ursprünglichen Ort und ist in seiner historischen Struktur nahezu unverändert erhalten geblieben. 1997 wurde er von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Während meines Venedig- Aufenthalts hatte ich die Freude, ihn zu besuchen. Von Venedig aus hat man mit einem der ständig verkehrenden Vorortzüge die knapp 40 Kilometer bis Padua schnell hinter sich gebracht und mit der (einzigen) Straßenbahnlinie ist man nach kurzer Zeit an der Haltestelle “Santo”. Von dort aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Garten. Nach den obligatorischen Covid bedingten Einlasskontrollen (Fiebermessung, Green Pass) betritt man eine andere Welt. Vor der malerischen Kulisse der Basilica di Sant Antonio entfaltet sich ein zauberhafter Hortus Mirabilis (so der Titel des vom Garten herausgegebenen Katalogs). Mächtige Bäume empfangen den Besucher, die ringförmig um den inneren Zirkel des Gartens wachsen. Durch vier Tore, die in eine Einfassungsmauer eingelassen sind, betritt man den historischen Teil des Gartens und auch wenn dieser Begriff gemäß Definition nicht ganz zutreffend ist, vor dem Besucher entfaltet sich ein wahres Paradiesgärtlein. Springbrunnen, Statuen, geharkte Kieswege und Pflanztröge bilden die Kulisse für eine üppige Pflanzenvielfalt.

1545 beschloss der Senat von Venedig, zu dessen Hohheitsgebiet Padua zu der Zeit gehörte, die Gründung des Botanischen Gartens von Padua für den Anbau von Heilpflanzen zum Nutzen der Universität. Bereits seit 1533 wurde an der Universität von Padua das “Lectrum Simplicium” , das Pharmakologie-Studium, gelehrt. Heilpflanzen nahmen bei der Bekämpfung von Krankheiten eine zentrale Rolle ein, dennoch herrschte große Unsicherheit bei der Identifikation der Pflanzen, was zu Fehlern und Betrug führte. Die Unterscheidung zwischen echten Heilpflanzen und ähnlich aussehenden Pflanzen war deshalb von großer Bedeutung. Mit der Anzucht von Heilpflanzen und der Bereitstellung von Anschauungsmaterial für Studenten war die Hauptaufgabe des Gartens definiert.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Botanische Garten ständig mit neuen Pflanzen aus allen Teilen der damals bekannten Welt bestückt, was durch den Handel und die Expansion der Seemacht Venedig begünstigt wurde. Padua übernahm dadurch eine Vorreiterrolle bei der Einführung und Erforschung zahlreicher exotischer Pflanzen. So wurde der erste Flieder, die ersten Sonnenblumen und die erste Kartoffel in Padua gezüchtet. Aber auch umfangreiche Sammlungen mehrten den Ruf des Gartens. Bis heute dient der Botanische Graten, autonomes Zentrum der Universität, der Aus- und Weiterbildung von Studenten, dem Erhalt und der Erforschung seltener Arten sowie didaktischen und populärwissenschaftlichen Zwecken. Wechselausstellungen runden das Programm ab.

Mit der Ausführung des Gartens wurde Andrea Moroni betraut, einer der größten Architekten von Padua Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Botanische Garten sollte nicht nur ein Ort sein, an dem Pflanzen für wissenschaftliche Zwecke herangezogen werden, sondern gleichzeitig auch ein “Monument” sein. Seine strenge architektonische Gliederung hat sich trotz verschiedener Ergänzungen und diverser Rückschläge durch Naturgewalten im Laufe der Jahrhunderte bis heute erhalten und darin liegt ein besonderer Reiz des Gartens. Die formale Gliederung bildet einen gelungenen Kontrast zu den üppig wachsenden Pflanzen. Ausgehend von einem Kreis, der in Quadrate unterteilt wird, befinden sich einzelne Parzellen, in denen die unterschiedlichen Arten herangezogen werden. Wegen der häufigen nächtlichen Diebstähle wurde bald nach der Gründung eine Einfassungsmauer gebaut (Diebstähle waren also auch zu der Zeit ein Übel!), was den Eindruck eines magischen Ortes noch verstärkt.

Der unangefochtene Star und gleichzeitig das Werbe-Gesicht des Gartens, ist eine Zwergpalme ( Chamaerops humilis var. Arborescens), die 1585 gepflanzt wurde und als “Goethes Palme” bekannt ist. Sie ist der älteste, inzwischen 10 Meter hohe Baum im Garten und wird ähnlich wie die berühmte Kamelie in Pillnitz mit einem Glashaus geschützt. Untrennbar ist die Pflanze im Botanischen Garten von Padua mit dem Namen von Johann Wolfgang von Goethe verbunden. 1786 besuchte Goethe den Garten während seiner Italienreise und studierte die Palme, wobei ihn insbesondere die Wandelbarkeit der verschiedenen Stadien des Wachstums der Palmenblätter interessierte ( von den jeweiligen Stadien ließ er sich Beispiele abschneiden, die er geschützt zwischen Pappen mit nach Hause brachte). Die Beobachtungen inspirierten ihn zu seinen Überlegungen bezüglich der Methamorphose der Pflanzen. Die Elegie “Die Metharmorphose der Pflanzen” erschien 1790 in Gotha.

Auch wenn Goethes Palme die berühmteste Pflanze im Garten ist, so gibt es auch andere, alt ehrwürdige Prachtexemplare zu bewundern. Ein (männlicher ) Gingko biloba, der 1750 gepflanzt wurde und zu dem sich Mitte der 1850er Jahre ein weibliches Pendant gesellte, das bei unserem Besuch Zweige voller Früchte trug. Auch hier wurde ich wieder an Goethe “Dieses Baumes Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut …” und sein berühmtes Gedicht über den Gingko erinnert. Eine imposante Magnolia grandiflora aus dem Jahr 1786, eine Himalaya Zeder (Cedrus deodara) von 1828, die erste, die nach Italien importiert wurde und nicht zuletzt eine Platane (Platanus orientalis) aus dem Jahre 1860, deren Stamm, vermutlich auf Grund eines Blitzeinschlages, gespalten ist, begeistern das Gartenherz.

Vom historischen Teil des Gartens gelangt man durch das südliche Tor, entlang eines begrünten Fußweges, zu den Gewächshäusern, die unter dem Motto “Biodiversität/Artenvielfalt” stehen und den modernen Teil des Gartens repräsentieren. Sie wurden 2014 errichtet und folgen dem Anliegen, dass insbesondere alte Botanische Gärten “Satelliten Gärten” errichten sollen, wo sie didaktische und wissenschaftliche Initiativen entwickeln und fördern können, die die historischen Anlagen aus architektonischen Zwängen und unter Denkmalschutzaspekten nicht mehr realisieren können.

Empfangen wird man in dem großzügigen Gelände von Wasserbecken, die von Wasserfällen gespeist werden. Sie sollen die Bedeutung des Wassers für jedwedes Leben hervorheben und symbolisieren, dass Wasser die geheime Quelle auch für die Schönheit des Botanischen Gartens von Padua ist. In den modernen Gewächshäusern, die mit Solar- und Wasserkraft betrieben werden, kann man 1300 Arten, aufgeteilt auf vier Klimazonen, bewundern: tropische, humide, aride und gemäßigte Zonen, die sich auf fünf Gewächshäuser, die miteinander verbunden sind, verteilen. Mir hatte es insbesondere das tropische Gewächshaus angetan, wo man von einer umlaufenden Galerie auf einen wahren “Dschungel” hinabschauen kann. Tropische Gefühle kamen bei mir aber auch deshalb auf, weil stechfreudige Mücken in dem Ambiente nicht fehlten!

Nach meinem Rundgang habe ich mich noch für eine Weile auf eine der Bänke gesetzt, die rund um dem zentralen Springbrunnen im historischen Teil stehen, die einzigartige Atmosphäre genossen und – um im Sprachgebrauch von Goethe zu bleiben – ein wenig sinniert. In der Begründung der UNESCO zur Aufnahme des Gartens in das Weltkulturerbe, heißt es : “The Botanical Garden of Padua has represented a source of inspiration for many other gardens in Italy and around Europe and has influenced both their architectural and functional designs and their didactic and scientific approaches in medical plant studies and related disciplines.” Auch “unser” Botanischer Garten in Düsseldorf steht, obwohl er erst in jüngerer Zeit gegründet wurde, in der Jahrhunderte alten Wissenschaftstradition der Botanischen Gärten. Als Bestandteil der Universität dient er als wissenschaftliche Einrichtung der Forschung und der Lehre an den verschiedenen Instituten und vermittelt mit seinem vielfältigen Angebot für alle Altersstufen die Bedeutung der Pflanzenvielfalt und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung. Das verbindende Band über Jahrhunderte und Grenzen hinweg ist eine schöne Gewißheit, nicht wahr?

In meinem Beitrag habe ich vor allem auf den gelungenen Katalog “Hortus Mirabilis” , einer Ausgabe für die Universität von Padua, und auf die Webseite von “padovamedievale” zurückgegriffen.

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