Im Pflanzenreich

Dieser Baum hat einiges zu bieten

Maclura pomifera, der Milchorangenbaum oder Osagedorn

Mammuts haben sich vermutlich an den Früchten gelabt, die dornenbewehrten Zweige dienten als Vorbild für den Stacheldraht, sein Holz wird im traditionellen Bogenbau eingesetzt und aus der Wurzelrinde gewann man gelben Farbstoff zum Färben von Textilien. Es ist schon erstaunlich, wie vielseitig dieser hübsche, auf den ersten Blick aber nicht weiter auffällige Baum ist.

Etwas versteckt hinter den mächtigen Magnolien rechts vom Haupteingang stehen zwei Milchorangenbäume, auch Osagedorn genannt. Maclura pomifera, so der lateinische Name, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Maclura in der Familie der Moraceae (Maulbeergewächse). Der Baum kann bis zu 15 Meter hoch werden, seine ausladende Krone kann fast dieselben Ausmaße erreichen. Die Äste sind mit spitzen, langen Dornen bewehrt. Der Baum hat dunkelgrün glänzende Blätter, die sich Herbst gelb färben, bevor er sein Laub abwirft.

Die eigentliche Attraktion sind jedoch die ungewöhnlichen Früchte. Da die Pflanze zweihäusig ist und männliche und weibliche Blüten an unterschiedlichen Individuen gebildet werden, benötigt man zur Fruchtbildung mindestens zwei Bäume. Die Blüten sind unterschiedlich: die männlichen Blütenstände wachsen in Trauben von ca. 3 cm Länge, die weiblichen Blütenstände sitzen als Köpfchen in den Blattachseln der Laubblätter. Die Bestäubung erfolgt durch den Wind. Bis es jedoch soweit ist, vergehen mindestens zwölf Jahre. Dann jedoch kommt man aus dem Staunen nicht heraus! Die runzelige Frucht besteht aus unzähligen, etwa ein Zentimeter langen Steinfruchtverbänden, die in ein saftiges Fruchtfleisch eingebettet sind. Sie verströmen einen zarten Orangenduft und erinnern auch vom Äußeren her an Orangen. Aber man sollte sich von diesem Duft nicht täuschen lassen: der in der Frucht und auch in den Zweigen enthaltene Milchsaft schmeckt bitter, die Frucht ist daher für den Menschen ungenießbar. Die zunächst hellgrünen Früchte werden mit der Zeit gelb und können bis zu einem Kilo schwer werden. Wenn man sie in den eigenen Garten pflanzt, sollte man daher auf die Unterpflanzung achten. Eine ein Kilo schwere, herabfallende Frucht kann bei empfindsamen Pflanzen durchaus einigen Schaden anrichten.

Im 19. Jahrhundert kam der Baum auch nach Mitteleuropa. In unseren Breiten werden Milchorangenbäume vornehmlich in Botanischen Gärten und Parks als Rarität gehalten. Da sie jedoch weitgehend unempfindlich gegen Witterungseinflüsse und anspruchslos sind, können sie problemlos auch in unseren Gärten gepflanzt werden. Etliche Gärtnereien bieten Maclura pomifera an. Inzwischen gibt es sogar Züchtungen ohne Dornen.

Ursprünglich beheimatet ist der Milchorangenbaum in einem relativ kleinen Gebiet im mittleren Süden der USA, vom Süden Arkansas und Oklahomas bis zur Ostküste von Texas. Hier war auch das Siedlungsgebiet der indigenen Osage, die den Baum wegen seiner Dornen als Hecken nutzten, um ihre Viehherden zu schützen. Der Name “Osagedorn” ist darauf zurückzuführen. Aus dem Holz schnitzten die Osage ihre Bögen und stellte gefragte, überaus kostbare Bögen her. Bis heute wird Osagedorn im traditionellen Bogenbau eingesetzt.

Auch in der Bionik ist der Baum bekannt. Der dornige Heckenschutz diente Michael Kelly als Vorbild für einen von ihm entwickelten Draht aus Stacheln. Er erkannte, dass eine “transportable” Dornenhecke für die weiter nach Westen dringenden Siedler ideal wäre. Der Stacheldraht wurde von ihm 1868 in Texas zum Patent angemeldet. Heute wird diese Art der Verwendung von Stacheldraht aus Gründen des Tierschutzwohls kritisch gesehen.

Und was hatte das Mammut mit dem Milchorangenbaum zu schaffen? Es ist schon verwunderlich, dass die Frucht heute als ungenießbar gilt. Nur Grauhörnchen haben die Früchte noch auf ihrem Speiseplan und tragen durch die Verdauung der Samen zur natürlichen Verbreitung des Baums bei. Aber in der Natur hat alles seinen Sinn. Warum “strengt” sich ein Baum so an und produziert in Mengen so große, fleischige Früchte? Die Antwort sollte uns zu denken geben. Es wird vermutet, dass Präriemammut, Mastodons und Riesenfaultiere die Nutznießer der Früchte waren und so den Samen verbreiteten. Diese Tiere sind, ob auf Grund von Klimawandel oder der ersten Besiedelung durch den Menschen, ausgestorben. Der Baum jedoch hat überlebt und lässt sich nicht beirren. Er treibt weiter Früchte. Was wird einmal nach uns bleiben?

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